Selbstbestimmungsrecht und Dreigliederung
Die Behandlung der nationalen Fragen im Sinne der Dreigliederung
Dieser Beitrag ist die schriftliche Wiedergabe des Vortrages, den Andreas Bracher an der Tagung «Soziale Dreigliederung – ein Friedensimpuls für die heutige Welt» vom 15.-17. November 2024 in der Schreinerei am Goetheanum, Schweiz gehalten hat.
Als Rudolf Steiner im Frühjahr bzw. Sommer 1917 erstmals ein politisches Konzept im Sinne der Dreigliederungentwickelte, geschah das in der weltpolitischen Situation, als die USA in den Ersten Weltkrieg auf der Seite der Entente Großbritanniens, Frankreichs und Russlands eintraten und damit die Konstellation des Kriegs grundlegend veränderten. Rudolf Steiner beantwortete mit seinen Memoranden von 1917 die explizit oder implizit gestellten Fragen: „Kann man denn (von Seiten der Mittelmächte) jetzt etwas tun?“ und „Soll man etwas tun?“ bzw. „Muss man etwas tun?“ Waren der amerikanische Kriegseintritt und das amerikanische Friedensprogramm eine Rettung für Europa oder waren sie ein Weg in den Untergang?[1]
Das amerikanische Friedensprogramm im Ersten Weltkrieg und die amerikanische Vormachtstellung
Der Kriegseintritt der USA 1917 war mit einem gewaltigen propagandistischen und programmatischen Aufwand verbunden. Er fand statt, nachdem noch wenige Monate zuvor der amerikanische Präsident Wilson (1856-1924, Präsident von 1913-1921) seinen Wahlkampf für die Präsidentschaftswahl 1916 unter den Slogan gestellt hatte: „Er hat uns aus dem Krieg herausgehalten“. Dementsprechend war es wichtig, den schon wenige Monate danach erfolgenden Kriegseintritt, eine Art Verrat am Wähler, stark zu begründen. Das geschah einerseits durch eine verschärfte Propaganda gegen die Kriegsgegner, die Mittelmächte, als Verkörperungen des Bösen. Andererseits gab es ein weit darüber hinausgehendes Programm für eine tiefgreifende Neuordnung der Welt und der internationalen Beziehungen. Der Krieg wurde vom amerikanischen Präsidenten als eine Friedensaufgabe hingestellt: „Der Krieg, um alle Kriege zu beenden“, war der Slogan, mit dem man das Kriegsführen jetzt zugleich als Zeichen der Friedenswilligkeit umdeutete.[2] Programmatisch trat Wilson etwas später mit den berühmten „14 Punkten“ hervor („Gott hatte nur 10, Wilson aber 14 Punkte“, lautete eine spöttische Bemerkung dazu).[3]
Die Kernpunkte seiner Friedensprogrammatik für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg waren das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ einerseits, die Errichtung eines Völkerbundes andererseits. Der Krieg wurde gedeutet als Aggression imperialistischer, eroberungssüchtiger Staaten, bei denen Völker unterdrückt wurden einerseits und als Staatsegoismus aus einem Unwillen zur internationalen Zusammenarbeit andererseits. Ursache dieser Verhaltensweisen war nach Wilson die innere Verfasstheit dieser Staaten, die er als „Autokratien“ bezeichnete und verurteilte und in Gegensatz zu den „guten Demokratien“ stellte.
Tatsächlich hat Wilson mit diesem Programm eine enorme Werbewirkung erreicht, die im Ersten Weltkrieg tief in die Feindstaaten, die Mittelmächte, hineinreichte. Es war wohl auch diese Werbewirkung, die schließlich zur Kriegsmüdigkeit und zum Zusammenbruch der deutschen Front im Herbst 1918 führte. Es schien keinen Grund mehr zu geben, gegen dieses Programm Krieg zu führen (und wenn man es tat – so dachte man -, entlarvte man sich tatsächlich als imperialistischer Raubstaat.) Wilson wurde in Europa zunehmend als eine Retter-Figur betrachtet, als eine Art Messias, sein Programm als die Lösung schlechthin. Wahrscheinlich hat niemals irgendein einzelner Mensch in Europa eine derart euphorisierende, begeisternde Wirkung entfacht, wie dieser amerikanische Präsident – der junge Napoleon? Luther? Franz von Assisi? Bernhard von Clairvaux?
Noch Hitler, der ja später daran ging, die Versailler Ordnung umzustürzen und dabei den Zweiten Weltkrieg auslöste, tat dies zunächst durchaus im Sinne des Wilson’schen Programms: „Deutschland muss frei sein“ und „Alle Deutschen heim ins Reich“ waren klassische Slogans im Sinne des Selbstbestimmungsrechts der Völker, das ja den Deutschen von Wilson im Ersten Weltkrieg versprochen worden, aber dann im Versailler Vertrag zu Teilen verweigert worden war.
Die Wilson-Begeisterung kam auf einen Höhepunkt, als der amerikanische Präsident im Dezember 1918 nach Europa kam, um dort am Friedensschluss des Ersten Weltkriegs, teilzunehmen.[4] Sie machte dann einer gewissen Enttäuschung Platz, je mehr deutlich wurde, dass diese Friedensschlüsse stark von rein machtpolitischen Gesichtspunkten und von Frankreich und Großbritannien dominiert wurden. Der Völkerbund, Wilsons Lieblingsprojekt, wurde tatsächlich gegründet, aber Wilsons eigenes Land, die USA, nahmen nicht daran teil. Der amerikanische Kongress, zunehmend misstrauisch gegen Wilsons hochfliegende Pläne, hatte gegen den Beitritt der USA gestimmt. Wilson, enttäuscht und erschöpft, verfiel gesundheitlich und starb drei Jahre nach Ende seiner Präsidentschaft, bereits am 3. Februar 1924.
Trotzdem hat die phantastische Wilson-Begeisterung im Europa der Jahre 1917-1919 in der europäischen Psyche wohl eine tiefe, dauerhafte Imprägnierung hinterlassen. Die Unterordnung Europas unter die USA, der Glaube an die USA als „Führungsmacht“, wie er zumindest seit 1945 herrschend ist, geht in seinen Untergründen wohl auf die Wilson-Euphorie, auf das damalige Sich-Ausliefern an einen amerikanischen Präsidenten, zurück. Schon 1932 etwa hatte der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer in einer Rede seiner Überzeugung Ausdruck gegeben, dass Europa seine Probleme selbst nicht mehr lösen könne und die Hilfe der USA bräuchte; (es war kein Zufall, dass er 1949 Bundeskanzler der neugegründeten Bundesrepublik von Gnaden der USA wurde). Und nach 1945 hat sich dieser Glaube etwa in der Institution der NATO verkörpert. Er hat auf merkwürdige Art koexistiert in Europa mit einem kulturellen Antiamerikanismus. Auch in der Perhorreszierung des ‚falschen‘, ‚schlechten‘ Amerikaners Trump durch die Europäer, des Zerstörers der transatlantischen Seligkeit, kam dieser Glaube an die USA als Messias in geradezu grotesker Weise ex negativo zum Ausdruck. Letztlich baten die Europäer (- die europäischen Führungsschichten -) darum, viel lieber von der CIA überwacht, manipuliert und an der Nase herumgeführt zu werden, als von Trump in brutaler Weise in die Realität gestoßen zu werden.[5] Lieber ein transatlantischer Vasall ohne eigenen Zweck in der Welt, der alles höhere Leben im eigenen Land unterdrückt, als jemand, der sich seines eigenen Verstandes in einer fremden unsicheren Welt bedienen muss.
Das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ ist heute nach wie vor ein zentraler Bestandteil des internationalen Völkerrechts; gerade in kleineren Staaten wird es mit einem geradezu religiösen Fanatismus hochgehalten und verteidigt. Aber auch die amerikanische Politik hat sich immer wieder darauf berufen, um eigene Kriege oder Interventionen zu rechtfertigen: im Irak-Kuwait-Konflikt 1990/91, im Kosovo 1999, in der Ukraine 2014 bzw. 2022ff usw. Die westliche Politik wird einerseits wahrgenommen als eine gewaltige Dampfwalze, welche die einzelnen Völker in ihrer Besonderheit überrollt und zu einem Einheitsbrei verschmiert: das ist die bekannte Kritik an der Globalisierung und der ganzen Eine-Welt-Ideologie, an Davos, Bilderberg und dem Neoliberalismus. Die Leute, die das kritisieren, halten dann gewöhnlicherweise den Nationalstaat, den nationalen Einheitsstaat, die Nationalstaatsdemokratie als Gegenmittel hoch und beziehen sich implizit auch auf das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“. Andererseits sind sie sich nicht im Klaren darüber, wie diese beiden Linien in einem merkwürdigen Double-Bind miteinander verknüpft und ineinander verknotet sind.
Rudolf Steiner nannte in seinen Memoranden 1917 die Friedensprogramme der Entente „Scheinprogramme, die von Freiheit reden, in Wirklichkeit aber für ganz Europa die Unmöglichkeit des Lebens bringen“, und sagte: „bei Verwirklichung des Wilson-Programms gehen die europäischen Völker zugrunde“.[6]
Das Selbstbestimmungsrecht der Völker
Das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ ist selbstverständlich keine Erfindung Wilsons, sondern eine Maxime, die im Zeitalter des zunehmenden Nationalismus im Neunzehnten Jahrhundert mit einer gewissen Selbstverständlichkeit aufkam. Es proklamiert das Recht jeden „Volks“ – was auch immer damit gemeint ist – auf einen eigenen Staat. Wahrscheinlich haben die Vereinigungen von Italien und Deutschland 1859/66 und 1866/71 einiges dazu beigetragen, diese Idee als etwas Natürliches erscheinen zu lassen. Das große Vorbild waren natürlich die gefestigten westlichen Nationalstaaten England (Großbritannien) und Frankreich, die sich in einer langen Geschichte gebildet hatten. Als ausdrückliche Parole (und Forderung) taucht das Selbstbestimmungsrecht interessanterweise wohl zum ersten Mal bei Karl Marx 1863 auf, als er den Polen in ihrem Aufstand gegen das zaristische Russland, den Hort der Reaktion, ein solches Recht zusprach. (Während Marx und Engels etwa 1848/49 dem sogenannten europäischen „Völkerfrühling“ kritisch und ablehnend gegenüberstanden: sie betrachteten den damals aufkommenden Nationalismus der kleinen europäischen Völker als eine reaktionäre Kraft, die die Hoffnungen auf eine allgemeine Revolution durchkreuzte; verächtlich sprach Engels etwa über die balkanischen Völker als von einem „Völkerabfall.“)[7]
Der eigene Staat konnte ein tief in der Geschichte verwurzeltes Projekt sein, oft verbunden mit einem langen Wunsch, sich aus einer tief empfundenen Unterdrückung zu befreien, und vielleicht mit dem Rückbezug auf eine frühere, mehr glorreiche nationale Geschichte. Man könnte wohl die Befreiung der südslawischen Christen aus dem osmanischen Joch so anschauen, ohne dass sie zwangsläufig zu jenem Kleinstaatenwirrwarr hätte führen müssen, das sie heute ist; es gab im Mittelalter mächtige serbische und bulgarische Reiche, auf die man sich rückbeziehen konnte, aber es gab auch ein byzantinisches Reich, dem sich fast alle damals kulturell verbunden fühlten. Im 19. Jahrhundert gab es wohl auch Ideen, die es eher auf eine Art Wiederbelebung eines byzantinischen Reichs (bzw. einer ähnlichen Struktur) mit einem multinationalen Charakter abgezielt hatten, als darauf, jene Vielzahl „nationaler“ Kleinstaaten zu schaffen, welche die Region zum Ort einer sprichwörtlichen „Balkanisierung“ hat werden lassen.
Im Neunzehnten Jahrhundert wurde der eigene Staat aber auch zu einem Völkerprestigeobjekt, einem „Ich-auch-haben-will“; ähnlich und verbunden mit dem, wie in der Romantik alle Gruppen unbedingt eine reiche alte nationale Volkskultur entdecken wollten, und sie dabei manchmal herbeigefälscht haben. Und andererseits wurde diese Staatsidee zu einem Steckenpferd und einem Racket aggressiver junger Männer, die hier eine Chance sahen, Ruhm, Macht und Pfründe zu erlangen, wenn sie „ihr“ Volk in die nationale „Unabhängigkeit“, d.h. zum eigenen Staat führen würden.
Auf diese Art wurden in Europa die Reste von mittelalterlich-feudalem Kleinstaatenwirrwarr, die noch im Neuzehnten Jahrhundert bestanden, übergeführt in einen neuen Kleinstaatenwirrwarr, wie er im frühen Einundzwanzigsten herrscht: die Einigungen Italiens und Deutschlands beendeten im Wesentlichen die letzten mittelalterlichen Strukturen; gleichzeitig entstanden mit Griechenland (1830), Serbien (1815/1878), Rumänien (1859/1878), Bulgarien (1878) und Albanien (1913) neue Staaten, die schon in etwa das Selbstbestimmungsrecht vertraten. Die europäische Staatenwelt umfasste im Jahre 1900 20 Staaten, 1920 nach dem Ende des ersten Weltkriegs 30, und heute – je nach Zählung – 41 Staaten, wobei hier von der Kaukasusregion und Mittelasien abgesehen ist, und auch die fünf ausgesprochenen Miniaturstaaten nicht berücksichtigt sind. Die großen multinationalen Reiche der Türken, Russen und Habsburger zerfielen nach dem Ersten Weltkrieg. Es ist besonders ihre Konkursmasse, aus der seitdem neue Staaten gebildet wurden, die zu einer ungeheuren Zersplitterung gerade des ost- und mitteleuropäischen Raumes geführt haben. 27 der 42 europäischen Staaten sind heute verbunden in einem übernationalen Gebilde neuer Art, der EU.
Das Selbstbestimmungsrecht und das Völkerproblem im modernen (demokratischen) Einheitsstaat
Rudolf Steiners “Kritik” am “Selbstbestimmungsrecht der Völker” als einem zentralen Teil des Wilson’schen Programms bezog sich überhaupt darauf, dass darin das Volksmäßige, Nationale eine zu tiefe Bedeutung erhält, dass der Mensch dadurch zu tief in seine Volkszugehörigkeit hereingedrückt und darauf festgelegt wird. Durch das Selbstbestimmungsrecht wird die Volkszugehörigkeit eines Menschen, die doch nur ein Fluidum, ein Kleid sein sollte, verabsolutiert und verfestigt, sie wird zu einem Tiefenbestandteil seines Seins, als ob sie zum intimsten Teil des eigenen Selbst gehörte. Das Selbstbestimmungsrecht bringt dadurch unvermeidlich Nationalismus hervor. Das fließende europäische Völkerzusammenleben wurde durch diesen National-Fundamentalismus verhärtet und letztlich zerstört.
„Das Nationale muss aus der Freiheit, nicht die Freiheit aus dem Nationalen entbunden werden“, war eine Formel, die Steiner dem Wilson’schen Programm entgegensetzte. Oder, im gleichen Sinne: „Die Völkerbefreiung ist möglich. Sie kann aber nur das Ergebnis, nicht die Grundlage der Menschenbefreiung sein.“[8] D.h., es gibt so etwas wie ein menschliches Selbstbestimmungsrecht, aber kein nationales. Innerhalb dieses grundlegenden Selbstbestimmungsrechts mögen sich die Völker als solche aus der Vereinigungsfreiheit als kulturelle Entitäten zusammenfinden, aber man darf sie nicht als die Bausteine des Selbstbestimmungsrechts voraussetzen. Um ein Beispiel zu geben: nicht das jüdische „Volk“ als präexistierende Einheit hat ein Selbstbestimmungsrecht, aber die Menschen, die in Israel/ Palästina leben, haben selbstverständlich ein solches. Es geht nicht darum, die Völker abzuschaffen, aber es geht darum, es in die Freiheit der Menschen zu stellen, in welchem Maße sich die Völker als solche reproduzieren werden oder nicht.
Der Gang der Menschheit führt (soll führen) vom Turmbau zu Babel zum Pfingstfest, d.h. von der babylonischen Sprachverwirrung und der Aufspaltung in Einzelgruppen hin zu einer neuen Harmonie und Vereinigung der Menschheit, in der schließlich alle alle verstehen sollen. Das reale Pfingsfest, wie es in der Apostelgeschichte berichtet wird[9], ist dabei als ein Vorgriff auf ein fern Zukünftiges zu nehmen, ein Vorgriff auf etwas, was seitdem zum providentiellen Ziel der Menschheit überhaupt geworden ist. Die Aufspaltung in Völker ist eine Realität, aber das Ziel besteht darin, über dieses Völkische in ein Allgemein-Menschliches, Universelles hineinzuwachsen. Organisationen, wie es z.B. der Völkerbund war oder heute die UNO ist, können niemals in ein wahres Allgemein-Menschliches hineinführen, weil es Vereinigungen der Getrennten sind, weil in der Vereinigung das Getrennte festgehalten wird. Die UNO, die “Vereinten Nationen”, ist die “Familie der Völker”, bzw. der Staaten, die im wesentlichen Nationalstaaten sind, aber nicht die Familie, nicht die Gemeinschaft der Menschen, die über ihr Volkhaftes hinaus in ein Allgemein-Menschliches hineingewachsen sind. (Sie ist das vielleicht zu Teilen in ihrer Bürokratie, wo ein gewisses Menschheitsbewußtsein gepflegt und geschaffen wird, aber sie kann es ihrer Struktur wegen nicht durchgreifend sein.) Das ist das Grundprinzip des Wilson’schen Internationalismus, d.h. überhaupt des Internationalismus im anglo-amerikanischen Zeitalter seit 1918, dass die Nation und ihre in diesem Schema prädestinierte Form, der Nationalstaat, zu den Basisbausteinen des Systems geworden sind. Es hält dadurch die Menschheit fest im Griff des Zeitalters vom Turmbau zu Babel.[10]
In der EU ist dieses Schema einerseits auch präsent insofern sie ein Zusammenschluss von Mitgliedstaaten ist, andererseits hat sie auch den Keim zu einem neuen Gebilde, einem europäischen Groß- und Einheitsstaat. Wenn sie tatsächlich dahin gelangen würde, was recht unsicher erscheint[11], wäre aber das Prinzip der Nation nicht aufgehoben, sondern auf eine neue Stufe transponiert, es wäre eine europäische Supernation geschaffen, in einem gesamteuropäischen Einheitsstaat. Das ist keine Überwindung des Nationalismus, sondern einfach seine Wiederkehr auf einer neuen Stufe mit all den gleichen Problemen der alten Stufe. (In den Konflikten der EU mit Russland über die Ukraine, wie auch Moldawien und Georgien, ist in sich abzeichnenden Formen bereits etwas von einem solchen EU-Nationalismus zu spüren.)[12]
Klassisch im nationalen Einheitsstaat, der durch die Selbstbestimmung geschaffen wird, ist das Problem von Mehrheitsnation und Minderheiten. Völker leben normalerweise nicht in territorial eindeutig voneinander abgegrenzten Gebieten, sondern in Formen der Durchmischung und Durchdringung. Zumal im Alten Europa war das der Fall. Das Ideal dieses alten Europas war das “Reich”, d.h. eine Herrschaftsform, die immer damit rechnete, eine Mehrzahl von Völkern unter sich zu vereinen. Das Ideal war eine “gerechte Herrschaft”, nicht aber eine “Selbstregierung” von voneinander abgegrenzten Menschengruppen.
Durch das Nationalstaatsideal des Selbstbestimmungsrechts wird das Problem von Mehrheiten und Minderheiten geschaffen: gelöst kann es dann werden durch Mittel wie Vertreibung (“ethnische Säuberung”), Ermordung oder Umerziehung. Alle diese Methoden haben im Zwanzigsten Jahrhundert eine große Karriere gehabt: eine erste Vertreibung großen Stils fand nach dem Ersten Weltkrieg 1919-1923 zwischen Griechenland und der Türkei statt. Ein griechischer Versuch, Teile Anatoliens militärisch zu erobern, endete mit einem katastrophalen Rückschlag. Hunderttausende in Anatolien ansässige Griechen wurden ermordet, Millionen, deren Vorfahren seit der Antike, d.h. viel länger als die Türken, dort gelebt hatten, wurden vertrieben. Umgekehrt wurden Hunderttausende Türken aus Griechenland vertrieben, in beiden Ländern fand eine ethnische Homogenisierung statt. Für die Griechen war das die große Katastrophe ihrer nationalen Geschichte, noch größer als diejenige von 1453 mit der Eroberung Konstaninopels durch die Türken und dem Ende des byzantinischen Reichs. Es war die Katastrophe der endgültigen Vertreibung der Griechen aus dem östlichen Mittelmeerraum und damit das Ende einer 2 ½ Tausend-jährigen Kulturdurchmischung. Am Ende dieser Vorgänge stand ein vertraglich geregelter Bevölkerungsaustausch, der etwa 1,2 Mio. Griechen nach Griechenland und ca. 400.000 Türken in die Türkei umsiedeln sollte. Winston Churchill etwa, ein zentraler Protagonist des Zwanzigsten Jahrhunderts, zeigte sich damals positiv beeindruckt von den Möglichkeiten solcher ethnischen Bevölkerungsbereinigungen.
Im europäischen Zwanzigsten Jahrhundert wird man viele weitere solche Beispiele finden, zuletzt haben die Jugoslawienkriege wieder dieselbe Logik in Gang gesetzt und ebenso der Ukrainekonflikt. Die Situation in Israel/ Palästina seit 100 Jahren bietet Beispiele für sowohl ethnische Säuberungen als auch Massenmorde in großem Stil.[13] Eine Katastrophe von einzigartigem Ausmaß war die Unabhängigkeit Indiens bei gleichzeitiger Bildung zweier Staaten, des muslimischen Pakistan und Indiens. Sie führte zu ungeheuren Bevölkerungsbewegungen wie auch zu millionenfachen Morden auf beiden Seiten.
Die bedeutendsten kohärenten Mordaktionen im Europa des 20. Jahrhunderts zur Homogenisierung der Bevölkerung waren letztlich die Massenmorde an Juden und Roma im Hitler’schen Europa des Zweiten Weltkriegs.
Das Mittel der “Umerziehung”, der staatlich induzierten oder erzwungenen Assimilation hat ebenfalls eine lange Geschichte: man denke heute etwa an die Turkifizierungsversuche der Kurden in der Türkei, an die Maßnahmen zur Entrussifizierung von Bevölkerungsteilen in Estland, Lettland und der Ukraine. Sehr “erfolgreich” war z.B. die Assimilierung des deutschen Elsaß und der italienischen Cote d’Azur in Frankreich. Beide Gebiete, die einst deutsch und italienisch waren, sind heute vollständig französisch. Überall geht es darum, dass sich die Bevölkerung eines Territoriums der in dem Staat führenden nationalen Gruppe assimilieren soll. Das wird mit einer zentralstaatlich gehandhabten Kulturpolitik bewerkstelligt. Das Staats-Territorium wird gewissermaßen zum Kriterium dafür gemacht, welche kulturelle Identität die Menschen entwickeln sollen oder dürfen.
Als positive Maßnahme zur “Lösung” dieser Problematik der Nationalstaaten sind verschiedene Formen der Minderheiten- und Autonomierechte entworfen worden, beispielhaft etwa die Autonomie Südtirols innerhalb Italiens. Das sind sicher bedeutende Verbesserungen, die allerdings das grundsätzliche Problem nicht aus der Welt schaffen, dass der Staat letztlich als der Staat eines Volkes begriffen wird, wodurch alle anderen in eine Art Außenseiterstellung eingerückt werden. Man denke auch an die z.T. miserable psychologische Stellung, die etwa Wales und Schottland im großbritannischen Gefüge haben, in dem sie doch an sich alle Rechte genießen.
Der Charakter der europäischen Völker und die Tendenz zu “Blutsgemeinschaften”
Grundsätzlich muss man sagen: weil das Selbstbestimmungsrecht Volkszugehörigkeit als etwas Festes, Feststehendes behauptet, das ja der Ausgangspunkt für die Staatsbildung sein soll, wird die Vorstellung davon, was ein Volk ist, ins Blutmäßige, Abstammungshafte verlegt. Denn was sonst könnten Völker sein, wenn sie etwas materiell Fassbares, Justiziables sein sollen? Völker sind dann Bluts- bzw. Abstammungsgemeinschaften. Der Prozeß, der dazu geführt hat, dass sich die europäischen Völker so verstehen, hat seit dem 19. Jahrhundert eingesetzt. Das ist eigentlich ein Selbstmißverständnis der europäischen Völker,[14] und man muss das vielleicht kurz explizieren:
Die europäischen Völker repräsentieren Formen der Gruppenbildung, wie sie nur nach dem Eindringen des Christentums möglich geworden sind. Davor gab es unter Anderem Germanen, Kelten und Slawen und einzelne Stämme darunter. Das waren Völker, die einerseits durch “Blutsgemeinschaft”, d.h. Endogamie (Heirat in der Gruppe), und andererseits durch Religionsgemeinschaft, eine gemeinsame Religion, eine gemeinsam verehrte Götterwelt, zusammengehalten wurden. Das entsprach dem klassischen Völkerimpuls der Alten Welt. Mit dem Untergang des Römischen Reichs, der Völkerwanderung und dem Christentum, veränderte sich die Konfiguration in Europa grundlegend. Die römische Reichsbevölkerung, die Reste des Keltentums und die als Eroberer einwandernden Germanen wuchsen zusammen und bildeten jetzt neue Völker: Spanier, Franzosen, Engländer, Italiener. Und auch dort, wo die Vermischung nicht im selben Maße stattfand, in jenen Gebieten, die nicht zum Römischen Reich gehört hatten, die weiter nördlich und östlich lagen, bildeten die Germanen und Slawen, die sich christianisiert hatten, Völker, die jetzt etwas anderes waren: Deutsche, Dänen, Schweden, Polen, Tschechen, Russen … Diese neueren Völker waren weit weniger voneinander getrennt als diejenigen der Alten Welt: sie waren verbunden durch eine gemeinsame Religion, das Christentum (das seine nationalen Einfärbungen haben konnte), und dadurch auch durch recht unkomplizierte Möglichkeiten zur Heiratsmischung, zur Exogamie. Wenn diese Völker dennoch voneinander unterschieden waren, so einerseits durch die Sprache, andererseits durch ein gewisses schwer greifbares Fluidum, eine kulturelle Tendenz, die dann in den Volkskulturen der Länder, in Liedern, Märchen, Sagen u.Ä. greifbar wurde.
Mit dem im Gefolge der Französischen Revolution aufkommenden Nationalismus hat sich das Volksverständnis in Europa im 19. Jahrhundert dann wieder verhärtet; es hat sich dadurch die Tendenz verstärkt, dass die europäischen Völker sich als Blutsgemeinschaften (miß-)verstehen wollten. Zugleich – mit einer unvermeidlichen Logik – hat auch eine stärkere Tendenz zu Nationalreligionen eingesetzt. Diese Tendenz ist einerseits im Protestantismus und in der Orthodoxie ohnehin wirksam, – es gibt eine englische Kirche mit dem König von England als Oberhaupt, eine schwedisch-lutherische Kirche mit dem schwedischen König als Oberhaupt, eine griechisch-orthodoxe Kirche mit einem eigenen Patriarchen, eine serbisch-orthodoxe Kirche mit einem eigenen Patriarchen etc.; im Ersten Weltkrieg wurde die nationalistische Tendenz so ausgeprägt, dass das gemeinsame christliche Band eigentlich zerrissen war: man hat beispielsweise in Deutschland angefangen, von “unser deutscher Gott” zu sprechen, – es wurde unmöglich, gegenüber dem Gegner noch an einer überwölbenden Gemeinsamkeit festzuhalten. Der Rassismus der Nazis, der aus dem Empfinden einer unüberwindbaren Kluft zwischen den Deutschen und den Gegnern des Ersten Weltkriegs hervorging, ist dann eine Fortsetzung und Erweiterung dieser Tendenz, die durch die Niederlage von 1918 bestärkt wurde. Charakteristisch dafür ist aber, dass der Versuch eines konsequenten Rassismus die Nazis zu Begriffen wie “Germanen” und “Arier” als Rasseneinheiten greifen ließ. Die “Deutschen” eigneten sich nicht als Rassensubjekt, “deutsch” eignete sich nicht zu einer rassischen Kategorie, und insofern mussten die Nazis dem Umstand Tribut zollen, dass die modernen europäischen Völker eben in ihrem Kern keine Blutsgemeinschaften darstellen.
Man wird sich klarmachen müssen, dass diese Tendenz durch die Versöhnungsbemühungen nach dem Zweiten Weltkrieg und die Vereinigungsprozesse der Europäischen Gemeinschaft zwar konterkariert, aber nicht wirklich aufgehoben ist: im Untergrund wirkt nach wie vor das Selbstbestimmungsrecht mit seiner die Völker segregierenden und in die Blutsgemeinschaft hinunterdrückenden Kraft. Die unendliche Konfusion, die sich um den Volksbegriff in Deutschland zwischen der AfD und dem Verfassungsschutz abspielt, zeigt das weiterhin.
Dreigliederung: Nationale Fragen als kulturelle Fragen
Die Lösung, die Rudolf Steiner in der Dreigliederung für die nationalen Fragen vorschlug, war eine andere: sie bestand in der Ausgliederung aller kulturellen Fragen aus der Hoheit des Staates. Schulen und Universitäten, das Gesundheitswesen, das Zivilrecht etc. sollten eigenen, frei zu bildenden Kulturkorporationen unterstellt werden, die dann z.B. nationale Korporationen hätten sein können. D.h., man hätte z.B. im alten Österreich, für das dieses Konzept ursprünglich entwickelt wurde, tschechische, slowakische, polnische, ruthenische (ukrainische) etc. Kulturkorporationen gründen können, durch die alle eigentlich nationalen Fragen in Eigenständigkeit von den Völkern hätten gelöst werden können, ohne Eingriffsrecht eines österreichischen (oder ungarischen) Zentralstaats. Wenn der Hauptgrund dafür, warum man einen eigenen Staat will, darin besteht, dass man die Mittel in die Hand bekommen möchte, um das eigene Volk, das eigene Volkstum zu fördern bzw. es aus einer unterdrückten Stellung zu befreien, so könnte dieser Hauptgrund in einer solchen Autonomie wegfallen.
Im sogenannten Ersten Memorandum vom Juli 1917 hat Rudolf Steiner diesen Programmpunkt mit speziellem Blick auf Österreich-Ungarn so formuliert: „Alle juristischen, pädagogischen und geistigen Angelegenheiten werden in die Freiheit der Personen gegeben. Auf diesem Gebiet hat der Staat nur das Polizeirecht, nicht die Initiative. (…) Der Staat überlässt es den sach-, berufs-, und völkermäßigen Korporationen, ihre Gerichte, ihre Schulen, ihre Kirchen und so weiter zu errichten, und er überlässt es dem einzelnen, sich seine Kirche, seine Schule, seinen Richter zu bestimmen. Natürlich nicht etwa von Fall zu Fall, sondern auf eine gewisse Zeit. (…) Nationalen oder anderweitigen Agitatoren werden dadurch ihre Kräfte ganz genommen.“[15] Und, als Explikation für die Führer der Mittelmächte (die letztlich nicht bereit waren, diese Kröte zu schlucken): „Man darf eben nicht zurückschrecken vor der völligen Freiheit im Sinne der Autonomisierung und Föderalisierung des Volkslebens.“[16]
Der Staat, der auf sein Initiativrecht in allen kulturellen Fragen verzichtet, verzichtet damit selbstverständlich auf einen beträchtlichen Teil seiner Macht. Die Formung der nächsten Generation durch ein staatliches Schulsystem etwa ist ein bedeutender Bestandteil dieser Macht.
Diese kulturellen Korporationen haben keinen territorialen Aspekt. Sie können auch durch ihren eigenen Charakter über die Grenzen des Staates hinausgreifen, d.h. sich mit Menschen verbinden, die außerhalb der Grenzen des Staates leben. Sie konterkarieren damit in einem gewissen Maß den Fetisch „territoriale Souveränität.“
Nationale Probleme im heutigen Europa im Lichte der Dreigliederung
Nationale Probleme liegen bis heute im Grund der Konflikte, die in Europa zu Kriegen geführt haben. Nach 1989 waren das im Wesentlichen zwei große Konfliktherde:
Jugoslawien
In Jugoslawien, einer Art Österreich-Ungarn im Kleinen, hat sich ein Vielvölkerstaat zwischen 1991 und 1999 in blutigen Kriegen in eine Vielzahl kleiner Staaten aufgelöst, die jeweils von einer Mehrheitsbevölkerung dominiert werden: Slowenien, Kroatien, Bosnien, Serbien, Montenegro, Kosovo, Mazedonien. Mehr noch als in Österreich-Ungarn hat es im zweiten Jugoslawien (1945-1991) fein austarierte Proporzregeln zwischen den Nationalitäten gegeben, die das nationale Problem lösen sollten, es aber dadurch auch gleichzeitig am Leben gehalten haben. Beim Auseinanderbrechen haben dann alle Völkerschaften behauptet, dass sie aus dem einen oder anderen Grund unterdrückt gewesen seien. Fast in allen diesen neu-entstandenen Staaten ist das nationale Problem in einem kleineren Maßstab erneut aufgetaucht: in Kroatien gab es erst einen Bürgerkrieg, 1995 ist dann die serbische Minderheitenbevölkerung ethnisch gesäubert worden; in Bosnien ist ein „multinationaler Staat“ mit zwei Teil-Entitäten und kompliziertem ethnischem Proporz zwischen Bosniern, Serben und Kroaten entstanden; in Serbien gibt es zumindest eine größere muslimische Minderheitenbevölkerung im Sandjak; in Montenegro gibt es ein ungefähres Gleichgewicht zwischen denen, die sich ausdrücklich als Montenegriner und denen, die sich mehr als Serben verstehen und außerdem im Süden eine albanische Minderheit; im Kosovo wurden große ethnische Säuberungen durchgeführt, aber es gibt weiterhin eine kleine serbische Minderheit, die sich wegen ihrer Rechte im Clinch mit der albanischen Mehrheitsbevölkerung befindet; in Mazedonien hat es nach einem kurzen Bürgerkrieg einen von der EU ausgehandelten Kompromiss zwischen der slawischen Mehrheitsbevölkerung und der albanischen Minderheit gegeben. D.h., die Anwendung des Selbstbestimmungsrechts (- das allerdings in diesem Fall ein Selbstbestimmungsrecht der jugoslawischen Teil-Republiken war -) hat eigentlich nirgendwo zu einer Beruhigung der nationalen Konflikte, sondern nur zu ihrer Verlagerung auf eine andere Ebene geführt. Nirgendwo gibt es eine Formel, die diese Konflikte wirklich zur Ruhe bringen würde.
Ukraine
Der andere Konflikt- und Kriegsherd ist seit 2014 die Ukraine, wo eine mehr russische empfindende Bevölkerung im Osten sich mit Unterstützung des benachbarten Russland vom Gesamtstaat abgespalten hatte, nachdem im Gesamtstaat eine Bewegung zur Macht kam, die eine durchgreifende Ukrainisierung des ganzen Landes auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Der im Osten seit 2014 schwelende Bürgerkrieg hat zwischen 2014 und 2022 offenbar ca. 14000 Menschenleben gekostet. Er ist dann durch die russische Invasion 2022 zu einem großen Krieg zwischen Russland und der Ukraine und ihren Unterstützern mit wohl Hunderttausenden von Toten geworden. – In kleinerem Maßstab drohen zukünftige Konflikte in der Ukraine auch im Umgang mit den dortigen ungarischen und rumänischen Minderheiten.
Andere Konfliktherde:
Immer noch lauern auch weitere Konflikte dieser Art im europäischen Staatengefüge: etwa im Dreieck zwischen Ungarn, der Slowakei und Rumänien. In der Slowakei und Rumänien gibt es beträchtliche ungarische Minderheiten. Je aggressiver Ungarn diese Minderheiten an sich zu binden versucht (- beispielsweise indem ihnen ein Wahlrecht in Ungarn und die ungarische Staatsbürgerschaft zugestanden werden -) umso aggressiver werden auch die Tendenzen in Rumänien und der Slowakei, diese ungarischen Minderheiten zu einer Slowakisierung bzw. Romanisierung zu zwingen. In den baltischen Staaten, besonders in Estland und Lettland, gibt es die stärkste Tendenz zu einer „ethnischen Demokratie“, d.h. dazu, den Staat als das Instrument eines Volkes, der Esten bzw. der Letten, zu verstehen und die anderen dort lebenden Menschen – insbesondere Russen – als bloße geduldete Anhängsel.
Und in anderer Form kehren die Konfliktfelder auch in den neuen Einwanderungsgesellschaften Westeuropas zurück.
Es ist leicht zu sehen, dass die Ausgliederung aller kulturellen Fragen aus dem Staatsgefüge, d.h. die vollständige Entnationalisierung der Staaten, die passende Lösung für diese Probleme sein könnte. Inwieweit diese dann zu einer vollen Dreigliederung, d.h. auch einer vollständigen Neuordnung der Beziehungen zwischen Staat und Wirtschaft führen muss, müsste sich zeigen.
Dass diese Idee und die Steiner’ sche Kritik des Selbstbestimmungsrechts, vorgestellt 1917, so wenig präsent im europäischen Ideenhaushalt sind, ist eigentlich ein Skandal. Das kann nicht nur an der berühmten, oft gegeißelten, „Schläfrigkeit“ der Anthroposophen liegen, die es versäumt haben, sie in den öffentlichen Diskurs einzubringen, nachdem sie zuerst in ihrer Mitte aufkam. Es muss wohl auch an einer weiteren bewussten Unterdrückung liegen, an einem Konsortial- und Kartellverhalten aller Machtträger. Die Entzerrung des Einheitsstaats, welche die Dreigliederung nahelegt, bedeutet einen großen Machtverlust für die Politik und für diejenigen, die sie dirigieren. „Gestaltungsmacht“, d.h. der Wunsch über das Leben anderer Menschen bestimmen zu können, ist aber ein wesentlicher Antrieb der modernen Politik und derer, die sie bestimmen. Es gibt von daher ein großes Interesse, eine solche Idee zu unterdrücken. Und auch bei unterdrückten Minderheiten wird oft das Interesse der Führer, durch wagemutige oder kriegerische Aktionen selbst zu ‚Staatseigentümern‘ werden zu können, größer sein als jenes, eine Konfliktsituation durch sinnvolle Maßnahmen zu entspannen, – ganz zu schweigen von auswärtigen Mächten, die sich solche Konfliktsituationen zunutze machen können.
[1] Vgl. Zur Situation des Ersten Weltkriegs als Hintergrund für Rudolf Steiners Memoranden Markus Osterrieder, Welt im Umbruch. Nationalitätenfragen, Ordnungspläne und Rudolf Steiners Haltung im Ersten Weltkrieg. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2014. Zur Entstehung der Memoranden dort speziell S. 1364-1381.
[2] „Krieg ist Frieden“ (War is Peace) heißt es etwas später (1948) im „Doppelsprech“ von George Orwells totalitärem Staat in seinem Roman 1984.
[3] Die 14 Punkte verkündete Wilson in einer Rede an den Kongress am 8.1.1918. Siehe z.B. https://wwi.lib.byu.edu/index.php/President_Wilson’s_Fourteen_Points.
[4] Wilson weilte vom 14.12.1918 bis zum 28.6.1919, d.h. dem Tag der deutschen Unterschrift unter den Versailler Vertrag, in Europa. Hauptsächlich war er in Paris, wo er an den Verhandlungen zum Versailler Vertrag teilnahm. Außerdem besuchte er zwischendurch England, Italien und Belgien.
[5] Man denke etwa an die deutsche Reaktion auf Trumps Pläne zu einem signifikanten Abzug amerikanischer Truppen aus Deutschland 2020.
[6] Rudolf Steiner, “Die Memoranden vom Juli 1917. Erstes Memorandum”, in: Über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage. Schriften und Aufsätze 1915-1921. GA 24. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1982, S. 339-362, hier: S. 357 und 358.
[7] Vgl. Roman Rosdolsky, Friedrich Engels und das Problem der geschichtslosen Völker. (Die Nationalitätenfrage in der Revolution 1848/49 im Lichzte der ‚Neuen Rheinischen Zeitung‘). http://library.fes.de/jportal/servlets/MCRFileNodeServlet/jportal_derivate_00023186/afs-1964-087.pdf (8.1.2025)
[8] Rudolf Steiner, “Die Memoranden vom Juli 1917. Zweites Memorandum (letzte Fassung)”, in: ders., Über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage. Schriften und Aufsätze 1915-1921. GA 24. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1982, S. 362-381, hier: S. 369.
[9] Apg 2,1-41
[10] In einem Vortrag 1919 sagte Rudolf Steiner: “Dasjenige, was dem neuzeitlichen Streben nach der Menschheitseinigung, nach jener Humanität, von der Herder, Lessing, Goethe gesprochen hatten, was diesem Streben der neueren Menschheit nach der Menschheitseinigung entgegentritt, das ist gerade der Völkeregoismus, der nationale Chauvinismus, auf allen Gebieten. Und nun soll der Völkerbund eine Einheit der in sich abgeschlossenen Völker werden. Der Turmbau zu Babel, der zeigt ja im Bilde, dass gerade dadurch einem Völkerbund entgegengearbeitet wurde, dass die Völker getrennt worden sind in ihre Volkstümer. Und das soll das Mittel abgeben um die Völker zu einen. Die Vierzehn Punkte, die Utopie Woodrow Wilsons, will die Aufgabe lösen, durch Konservierung desjenigen, was im Turmbau zu Babel angedeutet ist, die Völker zu einigen. Sie wird nur das fördern, was die Völker weiter auseinander bringt. Sie wird die Verwirrung des Turmbaus zu Babel nur noch größer machen.” (GA 192, 20.7.1919) Vgl. dazu: Andreas Bracher, “Wilson and Herder”, in: The Present Age, Year 3/ Nr. 7, October 2017, pp. 11-14.
[11] Es ist ein klassisches Prinzip internationaler Machtpolitik, dass man für einen Zusammenschluss einen Gegner braucht, gegen den man sich zusammenschließt. Diese Funktion erfüllt für Europa seit ca. 2014 in zunehmendem Masse Russland. Das totale Fehlen diplomatischer Initiativen nach Russland seit 2022, der völlige Verzicht auf einen Versuch, die Gegnerschaft abzumildern, verstärkt diese Blockbildung unvermeidlich. Insofern liegt in dem Verhältnis zu Russland seit 2014 ein Element, das in der EU als einigender Faktor wirken könnte.
[12] Der österreichische Autor Robert Menasse versteht in einem emphatischen Sinne die EU als ein anti-nationalistisches Projekt, das dazu dienen soll, die europäischen Völker und damit ihren Nationalismus, aus dem letztlich Auschwitz geflossen sei, abzuschaffen. (Siehe seinen Buchessay ‘Die Welt von morgen. Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde’ (2024), sowie seine im gleichen Sinne geschriebenen EU-Romane ‘Die Hauptstadt’ (2018) und ‘Die Erweiterung’ (2023).) Das hat etwas zugleich Gewalttätiges und Illusionäres, insofern er der EU die gleichen Staatstrukturen vermacht, wie sie vormals (bzw. bis heute) die nationalen Einheitsstaaten hatten. Diese Einheitsstaatsstrukturen werden auf einer anderen Ebene einen analogen (- in diesem Fall gesamt-europäischen -) Nationalismus hervorbringen, wie es auf der nationalstaatlichen Ebene der Fall gewesen ist.
[13] Umerziehung spielt hier keine Rolle, da Israel ein klares ethnisches Staatsbürgerverständnis hat, d.h. kein Interesse, Menschen anderer Ethnien zu (jüdischen) Israelis umzuformen.
[14] In Westeuropa wird heute dieser Volks-Bluts- und Abstammungsbegriff emphatisch abgelehnt, obwohl das Selbstbestimmungsrecht, das ihn doch nach sich zieht, nach wie vor hochgehalten wird. Sogenannten rechten Parteien wird unterstellt, dass sie sich ihn wieder zu eigen machen wollen, – ob nun zu Recht oder nicht. Dafür hat sich aber jetzt ein anderer Irrtum, ein anderes Selbst-Missverständnis eingeschlichen: man denkt, dass wie in den USA, auch in Europa das Volk eine Verfassungsgemeinschaft darstellt; Volk heißt jedem jetzt die Gemeinschaft aller Staatsbürger, und wer irgendetwas Anderes vertritt, wird als gefährlicher Reaktionär gekennzeichnet. Während es sicher richtig ist, das Staatsbürgerschaftsrecht von allem Ethnisch-Blutsmäßigem freizuhalten, verfehlt ein solcher, rein das Politische betonender Volksbegriff doch eigentlich das, was die europäischen Völker an sich waren, und was sie nur sein können, wenn sie überhaupt sein sollen: nämlich Kulturgemeinschaften, seelische Gemeinschaften. Das Eindringen dieses Konzepts des Volks als Verfassungsgemeinschaft könnte man als eine Form der „Amerikanisierung“ Europas bezeichnen. Es ist interessant und ironisch, dass es zu gleicher Zeit auch Tendenzen zu einer „Europäisierung“ Amerikas gibt, d.h. die Tendenz, die Amerikaner zu einem Volk nach europäischer Art zu erklären. Steve Bannon, ein intellektueller Vordenker und Aktivist im Umfeld von Trumps MAGA-Bewegung, hat seine Ablehnung der unkontrollierten Einwanderung aus Lateinamerika u.a. damit begründet, dass die Amerikaner wie die europäischen Völker eine Kulturgemeinschaft seien und deshalb nicht einfach beliebig Menschen von woanders aufnehmen könnten. An sich wird man wohl sagen können, dass in Amerika (den USA) Volks-Bildung und Verfassungsgebung in eines fallen: das Volk wird durch die Verfassung gebildet. Die Staatsbürgerschaft macht einen zum Volksangehörigen. Bannons Vorstellungen stehen gegen diese amerikanische Tradition. (Vgl. dazu etwa die letzte Rede Ronald Reagans als Präsident am 19.1.1989: https://www.reaganlibrary.gov/archives/speech/remarks-presentation-ceremony-presidential-medal-freedom-5.) Andererseits können sich diese Dinge selbstverständlich auch wandeln.
[15] Rudolf Steiner, “Die Memoranden vom Juli 1917. Erstes Memorandum”, a.a.O., hier: S. 352f
[16] Ebda., S. 341.


