Bericht Lateinamerika
Von Fionn Meier und Sylvain Coiplet
Teil I, Februar 2026
Erste Eindrücke
Im Jahr 2025 konnten wir mehrere Online-Vorträge mit Übersetzung ins Spanische für Zuhörer in Lateinamerika halten. Die geknüpften Kontakte führten dazu, dass wir daraufhin nach Argentinien für ein Seminar vor Ort eingeladen wurden. Joachim Lamatsch, der diese Reise für uns organisierte und viele Kontakte in Lateinamerika hat, nutzte die Gelegenheit und organisierte schlussendlich eine sechswöchige Reise für uns mit 4-tägigen Seminaren in Uruguay, Argentinien, Chile und Brasilien und weiteren Treffen mit Menschen vor Ort, die in interessanten Projekten engagiert sind.
Unser Abflug aus Europa war am 31. Januar. Nach einem kurzen Aufenthalt in Buenos Aires ging es weiter nach Uruguay, Montevideo, wo das erste Seminar in einem erst kürzlich neu gebauten Seminarort stattfand. Einige Teilnehmer sind an der dortigen Waldorfschule tätig, daneben gab es einige Unternehmer, die teilnahmen. Insgesamt war es eine Gruppe von 20 Menschen. Die Atmosphäre war sehr herzlich, entspannt, und unpolitisch. An der Schule gibt es schon eine aktive Gemeinschaft, die sich regelmässig trifft, um die Dreigliederung zu studieren. Wir konnten daher schnell in das Thema eintauchen.
Seminar in Uruguay
Ein Unterschied zu unserer Arbeit in Europa, der uns bald auffiel, war das Verhältnis der Menschen hier zum Egoismus. Die Frage, woher dieser kommt, ob dieser dem Menschen natürlich veranlagt ist oder durch die moderne Gesellschaft hervorgerufen wird, beschäftigt hier viele Menschen. Im Zusammenleben wurde uns schnell deutlich, dass hier das Gemeinschaftsgefühl viel stärker vorhanden ist als bei uns in Europa.
Seit fünf Tagen sind wir nun in Argentinien unterwegs und konnten mit vielen Menschen hier ins Gespräch kommen. Das Verhältnis der Menschen zu gesellschaftlichen Fragen hier in Argentinien ist komplett anders als in Uruguay. Sie sind sehr stark durch die Geschichte ihres Landes geprägt, welches in den letzten hundert Jahren viele kriegerische und politische Umwälzungen durchgemacht hat. Die gesellschaftlichen Fragen werden hier als existenziell erlebt, die Menschen machen sich viele Gedanken und erklären leidenschaftlich ihre Positionen. Sie sind in diesen Fragen jedoch gespalten: in diejenigen, welche die libertäre Politik Mileis begrüssen und diejenigen, welche den Peronismus aufrechterhalten wollen (siehe hierzu den Artikel von Paula Kiefer «Was ist eigentlich in Argentinien los?»). Morgen beginnt unser Seminar hier in der Nähe von Buenos Aires. Wir sind gespannt, ob es mit Hilfe der Dreigliederung den Menschen hier möglich ist, die Polaritäten durch die Entdeckung eines gemeinsamen Ziels zu überwinden.
Danach geht es nach Santiago (Chile), wo wir unser drittes Seminar halten werden. Dann fliegen wir nach São Paulo (Brasilien), wo zwei weitere Seminare geplant sind.
Die Reise durch Südamerika gibt uns auch Gelegenheit, von den Menschen hier zu lernen. Als Rudolf Steiner 1922 in Wien am West-Ost-Kongress über die Zukunft sprach, betrachtete er die Zusammenarbeit von Europa und Amerika als existenziell, um die «soziale Frage» des Westens zu bewältigen und damit die West-Ost Polarität zu harmonisieren:
„Eine Verständigung, die darauf abzielt, nach Westen hinüberzugehen, wird den Boden schaffen für das Verständnis einer inneren westlichen Geistesentwicklung. Und wenn wir als westliche Menschen zeigen, dass wir imstande sind, aus dem, was wir innerlich in uns selber ergreifen, ein Geistiges hervorzuzaubern, wenn wir den europäisch-amerikanischen Geist entgegensetzen können dem orientalischen Geist, der heute in der Dekadenz drinnen ist, dann erst wird Weltökonomie, wird Weltverkehr, wie der heute besteht, im wahren Sinn des Wortes im Vertrauen unter den Menschen möglich sein.“
– 10. Juni, 1922, GA 83 (Wien, West-Ost-Kongress)
Durch unsere Reise hoffen wir, dass wir ein Netzwerk zwischen Amerika und Europa aufbauen können, das auf realen zwischenmenschlichen Beziehungen und Vertrauen aufgebaut ist und in diesem Sinne einen Beitrag leisten können zu dieser Verständigung zwischen Europa und Amerika.
Teil II, März 2026
Voneinander Lernen
Seit Mitte März sind wir nun wieder zurück von unserer Reise in Lateinamerika. Nachdem wir in Uruguay mit dem ersten Seminar begonnen hatten (Bericht im letzten Newsletter), ging es weiter mit je einem viertägigen Seminar in Argentinien (Buenos Aires) und Chile (Santiago) und zwei in Brasilien (São Paulo und Piracaia). Mit noch frischen Erinnerungen möchten wir gerne mit Ihnen ein paar unserer Erlebnisse und Eindrücke teilen.
Mit Ausnahme von Uruguay und São Paulo waren alle Seminare mit je über dreissig Menschen jeweils ausgebucht. Die Teilnehmenden waren bunt durchmischt von ihrer Herkunft, ihrem Alter, Geschlecht und Beruf. Durch all diese Begegnungen lebt in uns nun der Eindruck: Wir in Europa sind nicht allein, es gibt in Lateinamerika viele Menschen, die sehr engagiert und mit einer Frische für die Anthroposophie und die Dreigliederung arbeiten, die in Europa nur selten anzutreffen ist.
Seminar in Buenos Aires, Argentinien
Eindrücklich war für uns ebenfalls die Verschiedenheit der Kulturen in den verschiedenen Ländern Lateinamerikas. In Argentinien erlebten wir z.B. die Menschen in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft ganz anders als noch in Uruguay, oder danach in Chile oder Brasilien. Darüber ausführlich zu berichten, würde den Rahmen eines Newsletters leider sprengen. Wir versuchen jedoch ein paar Schlaglichter zu werfen.
Unsere Hypothese, mit der wir nach Amerika gekommen sind, war, dass die Menschen dort im allgemein ein besseres Verständnis für das Wirtschaftsleben haben als wir im deutschsprachigen Europa. Dazu gibt es verschiedene Hinweise Rudolf Steiners (z.B. 1922 in den West/Ost Aphorismen in Wien). Als wir nun an einer öffentlichen Veranstaltung in Buenos Aires von unserer Hoffnung erzählten, dass hier die Menschen die Dreigliederung weniger als Utopie entgegennehmen, sondern gleich die Praxis darin für sich entdecken, applaudierten die Menschen spontan. Am Schluss kam eine ältere Frau auf uns zu, die in Deutschland aufgewachsen und als junge Frau nach Argentinien ausgewandert ist. Sie sagte uns: «Hier wird, im Unterschied zu Deutschland, einfach ausprobiert!» Ist das eine der Fähigkeiten, von denen wir in Europa von Lateinamerika lernen können? Aus unserer Sicht ja, denn das Wirtschaftsleben erfordert kein Politisieren und kein Organisieren (was in Deutschland und der Schweiz gut gekonnt wird), sondern ein ständiges Eingehen auf die jeweiligen konkreten Situationen, ein fortwährendes gemeinsames, soziales Improvisieren.
Eine vorerst noch kleine Initiative, die aus unserer Sicht jedoch eine wegweisende Perspektive aufzeigt, konnten wir in Argentinien kennenlernen. Die Waldorfschulen in Deutschland und in der Schweiz veranstalten in der Adventszeit jeweils einen Weihnachtsbazar. Es werden unzählige Stunden an Arbeit von den Schuleltern benötigt, in welchen sie Puppen, Adventskränze, Gebäcke und vieles Weitere herstellen. Verkauft werden dieselben Produkte hauptsächlich wiederum an die Schuleltern. Wirtschaftlich betrachtet ist diese Doppelbelastung jedoch nicht sinnvoll.
Wir konnten hier nun eine neue Art, wie die Schulen zu zusätzlichen Einnahmen kommen, kennenlernen. Die Schule, für welche dieses Projekt entwickelt wurde, wurde 2012 etwa 12 km ausserhalb von Buenos Aires neu gegründet. Es war von Anfang an die Frage, wie man die finanzielle Last für den laufenden Betrieb so verteilen kann, dass nicht allein die Eltern sie tragen müssen. Es wurde daraufhin ein Unternehmen gegründet – Del Arca –, welches sich darauf spezialisierte, Weihnachtsgeschenkkörbe herzustellen und mit dem Gewinn die Schule mitzufinanzieren. Die Inhalte für die Weihnachtskörbe selbst kauft das Unternehmen bei den Eltern und Unternehmen in der Umgebung der Schule ein. Verkauft werden die Weihnachtskörbe an die Eltern und Unternehmen in der Umgebung, wobei der Verkauf an Unternehmen ausserhalb der Schulgemeinschaft jedes Jahr ansteigt.
Durch diese neue Art der Finanzierung – insbesondere, wenn sie sich noch weiterentwickeln wird – kann die Schule sich als «Konsument» in ein anfänglich assoziatives Wirtschaftsleben hineinstellen. Der Verlockung nach staatlicher Finanzierung und der Gefahr, dass reiche Eltern immer mehr die Schule bestimmen, wird durch diese Initiative entgegengewirkt. Von der wirtschaftlichen Seite her wird der Weg gebahnt für ein «freies Geistesleben».
Seminar in Santiage, Chile
Während in Argentinien die Bevölkerung sich durch die Geschichte und den «Peronismus» mit ihrem Land sehr verbunden fühlt, erlebten wir in Chile bei den Teilnehmern eine völlig unpolitische Kultur. Was uns in Chile entgegenkam, war ein eher internationaler Geist und auch – was uns sehr überraschte – ideale Voraussetzungen für ein freies Bildungswesen. Die Lehrerinnen und Lehrer an nicht-staatlichen Schulen brauchen keinen «Stempel» vom Staat, um unterrichten zu dürfen – eine Situation, die Rudolf Steiner bei der Gründung der ersten Waldorfschule ebenfalls vorfand und als Bedingung für den weiteren Erfolg der Waldorfschulen betrachtete!
In Brasilien (São Paulo) beschäftigte viele Teilnehmer des Seminars das riesige Gefälle von Arm und Reich. Wir konnten hier erleben, dass die Ideen des Marxismus noch lebendig sind und viel Interesse an Steiners Ausführungen dazu vorhanden war. In unserem Seminar waren beide «Klassen» vertreten, sodass sich die Dreigliederung in einem Praxistest gleich zu bewähren hatte: Kann sie diese Gegensätze überwinden? Bei den Teilnehmern hatten wir den Eindruck, dass sie sich mit Hilfe der Dreigliederung über die Probleme und die Lösungen verständigen konnten. Bis dies in einem grösseren Umfang geschehen kann, ist es jedoch noch ein weiter Weg.
Wir sind noch mit einigen weiteren Initiativen in Verbindung gekommen, insbesondere im Bereich der Landwirtschaft und des Wirtschaftsunterrichts an Schulen. Mehr zu den bereits vorhandenen und den neu entstehenden Initiativen und was wir von ihnen lernen können, werden wir in zukünftigen Newslettern berichten.
Seminar in São Paulo, Brasilien
Steiner führte im Jahr 1910 in Oslo aus, wie die einzelnen Völker in Zukunft immer stärker zusammenzuarbeiten haben: «Es ist aus dem Grunde von einer ganz besonderen Wichtigkeit, weil die nächsten Schicksale der Menschheit in einem viel höheren Grade als das bisher der Fall war, die Menschen zu einer gemeinsamen Menschheitsmission zusammenführen werden» (7. Juni 1910, Oslo). Unser Eindruck ist, dass dies unsere Gegenwart beschreibt. Betrachtet man die «soziale Frage» heute, wo die Welt vor dem Abgrund eines dritten Weltkriegs steht, so kann einem vielleicht noch viel deutlicher als vor hundert Jahren ins Bewusstsein treten, dass die Ursachen hierfür nur durch eine viel tiefere Schichten ansprechende internationale Verständigung unter den Menschen behoben werden können. Wir haben durch unsere Reise nun einen viel lebendigeren Eindruck gewonnen als wir vorher hatten, von dem, was möglich ist, wenn die Dreigliederung als gemeinsame Menschheitsaufgabe verstanden wird. Dies setzt jedoch nicht nur die Bereitschaft zur Zusammenarbeit voraus, sondern auch die Offenheit, wirklich voneinander lernen zu wollen.
Getragen von den Eindrücken unserer Reise haben wir nun die Absicht, das Format des gemeinsamen viertägigen Grundlagen-Seminars auch in weiteren Ländern anzubieten. Wir freuen uns über diesbezügliches Interesse und nehmen gerne entsprechende Hinweise entgegen; und wir bedanken uns von Herzen bei allen, die diese Reise möglich gemacht haben!
Fionn Meier und Sylvain Coiplet


