WEST-OST-APHORISMEN
von Rudolf Steiner veröffentlicht im Anschluss an den Kongress in Wien in der Wochenschrift «Das Goetheanum», 1. Jg., Nrn. 45 und 46, Juni 1922.
Vorbemerkung von Fionn Meier, 4. Juni 2026.
Rudolf Steiner kam 1921 zum Schluss, dass die Dreigliederungsbewegung in Deutschland, die 1919 in Stuttgart gestartet wurde, keinen Erfolg zeigen würde. Er schlug deswegen vor, den «Bund für soziale Dreigliederung» in den «Bund für freies Geistesleben» umzubenennen. Die Konsequenz, die er aus dem Scheitern der Dreigliederungsbewegung zog, war für ihn, dass Mitteleuropa in Zukunft politisch, wirtschaftlich und auch geistig abhängig vom Westen sein wird. Er sah die zukünftige Polarität zwischen West und Ost, die ohne Dreigliederung unvermittelt aufeinandertreffen werden, als eines der grossen Welt-Probleme am Horizont auftauchen. Bleibt der Westen dabei, sich nur auf das Wirtschaftsleben zu fokussieren, ohne das Rechtsleben und das Geistesleben im Sinne der Sozialen Dreigliederung dem Wirtschaftsleben entgegenzustellen, so sah Steiner zukünftige Kriege kommen, die weit verheerender sein werden als der Erste Weltkrieg. In einem Artikel von 1921 hielt er fest:
Asien aber hat die Erbschaft eines alten Geisteslebens. Das geht ihm über alles. Dieses Geistesleben wird in mächtigen Flammen auflodern, wenn vom Westen her solche Verhältnisse geschaffen werden, die es nicht befriedigen können. Man glaubt aber im Westen aus bloss wirtschaftlichen Gründen heraus diese Verhältnisse ordnen zu können. Man wird damit die Ausgangspunkte schaffen für noch furchtbarere Katastrophen, als der europäische Krieg eine war».
– In «Das Goetheanum», 6. November 1921.
Im Juni 1922 veranstaltet Rudolf Steiner in Wien den West-Ost-Kongress, in welchem die Unterschiede von West und Ost durch die Geisteswissenschaft vertieft und Wege zu ihrer Verständigung aufgezeigt wurden. Der West-Ost-Kongress kann als Auftakt für eine geistige Verständigung von West und Ost betrachtet werden. Eine solche wird nur möglich sein, wenn insbesondere der Westen seine «Hausaufgaben» macht. Welches diese sind, ist von Rudolf Steiner in den folgenden Aphorismen festgehalten. Angesichts der aktuellen Eskalationsgefahr des Krieges in der Ukraine und im Iran, sind diese Gesichtspunkte heute wieder höchst aktuell.
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Man verliert den Menschen aus dem seelischen Gesichtsfelde, wenn man nicht sein ganzes Sein in allen seinen Lebensoffenbarungen ins Seelenauge fasst. Man sollte nicht von der Erkenntnis des Menschen sprechen, sondern von dem ganzen Menschen, der sich erkennend offenbart. Erkennend gebraucht der Mensch sein Sinnes-Nervenwesen als Werkzeug. Fühlend dient ihm der Rhythmus, der in der Atmung und dem Blutkreislauf lebt. Wollend wird der Stoffwechsel zur physischen Grundlage des Daseins. Aber in das physische Geschehen des Sinnes Nervenwesens pulst der Rhythmus hinein; und der Stoffwechsel ist materieller Träger des Gedankenlebens. Auch in dem abstraktesten Denken lebt das Fühlen und wogt das Wollen.
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Der alte Orientale zog in sein träumendes Denken mehr von dem rhythmischen Leben des Fühlens herauf als der Mensch der Gegenwart. Daher erlebte jener auch mehr rhythmisches Weben in seinem Gedankenleben, dieser empfindet darin mehr logisches Zeichnen. Im Aufstieg zu übersinnlichem Schauen verwob der orientalische Jogi bewusstes Atmen mit bewusstem Denken. Er erfasste damit das im Atmen sich fortsetzende rhythmische Weltgeschehen. Die Welt erlebte er atmend als Selbst. Und auf den rhythmischen Wellen des bewussten Atmens bewegte sich der Gedanke durch das ganze Menschenwesen. Erlebt wurde, wie das Göttlich-Geistige in den Menschen den geisterfüllten Odem fortdauernd strömen lässt, und wie dadurch der Mensch eine lebende Seele wird. – Der Mensch der Gegenwart muss anders seine übersinnliche Erkenntnis suchen. Er kann nicht das Denken an das Atmen binden. Er muss meditierend das Denken aus dem logischen Leben zum anschauenden erheben. Anschauend aber webt das Denken in einem geistig-musikalisch-bildhaften Element. Es wird vom Atmen losgebunden und mit dem Geistigen der Welt verwoben. Das Selbst wird jetzt nicht atmend im eigenen Menschenwesen erlebt, sondern im Umkreis der Geisteswelt. Der Ostmensch erlebte einst dieWelt in sich und hat heute in seinem Geistesleben den Nachklang davon; der Westmensch steht im Anfange mit seinem Erleben und ist auf dem Wege, sich in der Welt zu finden. Wollte der Westmensch ein Jogi werden: er müsste zum raffinierten Egoisten werden, denn die Natur hat ihm das Selbstgefühl schon gegeben, das der Orientale nur erst traumhaft hatte; hätte der Jogi wie der Westmensch sich in der Welt suchen wollen: er hätte sein träumendes Erkennen in den unbewussten Schlaf eingeführt und wäre seelisch ertrunken.
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Der Ostmensch sprach von der Sinnenwelt als von dem Schein, in dem auf geringere Art lebt, was er in vollgesättigter Wirklichkeit in seiner Seele als Geist empfand; der Westmensch spricht von der Ideenwelt als dem Schein, in dem auf schattenhafte Art lebt, was er in vollgesättigter Wirklichkeit mit seinen Sinnen als Naturempfindet. Was sinnliche Maja dem Ostmenschen war, ist sich selbst tragende Wirklichkeit dem Westmenschen. Was seelisch erbildete Ideologie dem Westmenschen ist, war sich selbst schaffende Wirklichkeit dem Ostmenschen. Findet der heutige Ostmensch in seiner Geist-Wirklichkeit die Kraft, um der Maja die Seinsstärke zu geben, und findet der Westmensch in seiner Natur-Wirklichkeit das Leben, um in seiner Ideologie den wirkenden Geist zu schauen: dann wird Verständigung kommen zwischen Ost und West.
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Der Ostmensch hatte das geistige Erlebnis als Religion, Kunst und Wissenschaft in voller Einheit. Er opferte seinen göttlich-geistigen Wesenheiten. Gnadenvoll floss ihm von ihnen zu, was ihn zum wahren Menschenwesen erhob. Das war Religion. Aber in der Opferhandlung und an der Opferstätte offenbarte sich ihm auch die Schönheit, durch die das Göttlich-Geistige in der Kunst lebte. Und aus der schönen Geistoffenbarung erfloss die Wissenschaft. – Nach Westen strömte die Welle der Weisheit, die das schöne Licht des Geistes war, und die den künstlerisch begeisterten Menschen fromm machte. Da erbildete sich Religion ihr Eigenwesen; und nur die Schönheit blieb noch der Weisheit verbunden. Heraklit und Anaxagoras waren Weltweise, die künstlerisch dachten; Aeschylos und Sophokles waren Künstler, die Weltenweisheit bildeten. Später ward die Weisheit dem Denken anheimgegeben; sie wurde Wissen. Die Kunst wurde in eine eigene Welt versetzt. Religion, die Quelle von allem, ward das Erbgut des Ostens; Kunst ward zum Denkmal der Zeit, in der die Erdenmitte herrschte; Wissen ward selbständige Herrscherin eines eigenen Feldes in der Menschenseele. So ward das Geistesleben des Westens. Ein Vollmensch wie Goethe fand die in Wissen getauchte Geistwelt. Aber er sehnte sich, die Wahrheit des Wissens in der Schönheit der Kunst zu schauen. Das trieb ihn nach dem Süden. Wer ihm im Geiste folgt, kann ein religiös inniges Wissen finden, das in Schönheit nach künstlerischer Offenbarung ringt. Schaut der Westmensch in seinem kalten Wissen das unter ihmquellende Göttlich-Geistige im Schönheitsglanz, ahnt der Ostmensch in seiner gefühlswarmen Weisheitsreligion, die von der Schönheit des Kosmos kündet, das befreiende Wissen, das im Menschen in Willensmacht sich wandelt: dann wird der ahnende Ostmensch den denkenden Westmenschen nicht mehr seelenlos schelten; dann wird der denkende Westmensch den ahnenden Ostmenschen nicht mehr als weltfremd bestaunen. Religion kann aus künstlerisch belebtem Erkennen vertieft, Kunst aus religiös geborenem Erkennen belebt, Wissen aus kunstgetragener Religion durchleuchtet werden.
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Die Menschheit des Ostens erlebte in ihrem grauen Altertum erkennend eine hohe Geistigkeit. Diese denkend ergriffene Geistigkeit durchpulste das Fühlen; sie ergoss sich in das Wollen. Der Gedanke war noch nicht Vorstellung, welche Dinge abbildet. Er war Wesenheit, die das Leben der Geist-Welt in das Menschen-Innere trug. In den Nachklängen dieser hohen Geistigkeit lebt der Ostmensch heute. Sein Erkenntnisauge war einst noch nicht auf Natur eingestellt. Er sah durch die Natur hindurch auf den Geist. – Als die Einstellung auf die Natur begann, sah der Mensch noch nicht sogleich Natur; er sah den Geist auf naturweise; er sah Gespenster. Einer hohen Geistigkeit letzter Ausläufer wurde auf dem Weg vom Osten zum Westen der Gespenster-Aberglaube. – Dem Westmenschen ward Naturwissen gegeben, als ihm Kopernikus und Galilei erstanden. Er musste in sein Inneres schauen, um nach dem Geiste zu suchen. Da verbarg sich ihm noch der Geist, und er sah nur Triebe und Instinkte, Aber sie sind materielle Gespenster, die sich vor das Seelenauge stellen, da dieses noch nicht nach innen auf den Geist eingestellt ist. Wenn die Einstellung auf den Geist beginnen wird, werden die Innengespenster schwinden, und der Mensch wird durch seine Natur auf den Geist schauen, wie der alte Ostmensch durch die Natur auf ihn geschaut hatte. Durch die Welt der Innengespenster wird der Westgeist zum Geist kommen. Sein Gespensterglaube ist Anfang der Geist-Erkenntnis; was der Osten als Gespensterglauben an den Westen vererbt hat, ist Ende der Geist-Erkenntnis. Über Gespenster hinüber sollten sich die Menschen im Geiste finden – und so wird die Brücke sich erbauen zwischen Ost und West.
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Der Ostmensch empfindet «Ich» und schaut «Welt»; das Ich ist Mond, der die Welt widerspiegelt. Der Westmensch denkt die «Welt» und strahlt in seine Gedankenwelt «Ich». Das Ich ist Sonne, welche eine Bildwelt erstrahlt. Wird der Ostmensch im Schimmer seines Weisheitsmondes den Sonnenstrahl erfühlen, wird der Westmensch im Strahl der Willenssonne den Weisheit-Mondesschimmer erleben: dann wird der West-Wille den Ost-Gedanken erkraften, dann wird der West-Gedanke den Ost-Willen erlösen.
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Der alte Orientale fühlte sich in einer geistgewollten sozialen Ordnung. Gebote der Geistmacht, die ihm sei-ne Führer zum Bewusstsein brachten, gaben ihm die Vorstellungen davon, wie er sich dieser Ordnung einzugliedern hatte. Diese Führer hatten diese Vorstellungen aus ihrem Schauen in die übersinnliche Welt. Der Geführte empfand in ihnen die aus der Geistwelt ihm übermittelten Richtlinien für sein geistiges, rechtliches und wirtschaftliches Leben. Die Anschauungen über des Menschen Verhältnis zum Geistigen, die über das Verhalten von Mensch zu Mensch, und auch die über die Besorgung des Wirtschaftlichen kamen für ihn aus derselben Quelle der geistgewollten Gebote. Geistesleben, rechtlich-staatliche Ordnung, Wirtschaftsbesorgung waren im Erleben eine Einheit. Je weiter die Kultur nach dem Westen zog, desto mehr trennten sich die rechtlichen Verhältnisse zwischen Mensch und Mensch und die Wirtschaftsbesorgung von dem Geistesleben im Bewusstsein der Menschen ab. Das Geistesleben wurde selbständiger. Die anderen Glieder der sozialen Ordnung blieben noch eine Einheit. Beim weiteren Vordringen nach dem Westen trennten sich auch diese. Neben dem rechtlich-staatlichen, das eine Zeitlang auch alles Wirtschaften regelte, bildete sich ein selbständiges ökonomisches Denken aus. In dem Vorgange dieser letztern Trennung lebt der Westmensch noch drinnen. Und zugleich erwächst ihm die Aufgabe, die drei getrennten Glieder des sozialen Lebens, das Geistesleben, das rechtlich-staatliche Verhalten, die Wirtschaftsbesorgung, zu einer höheren Einheit zu gestalten. Gelingt ihm dies, so wird der Ostmensch verständnisvoll auf seine Schöpfung schauen, denn er wird wiederfinden, was er einst verloren hat, die Einheit des menschlichen Erlebens.
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Unter den Teilströmungen, deren Zusammenwirken und gegenseitiges Sich-Bekämpfen die menschliche Geschichte ausmachen, befindet sich die Eroberung der Arbeit durch das menschliche Bewusstsein. Im alten Orient arbeitete der Mensch im Sinne der ihm auferlegten geistgewollten Ordnung. In diesem Sinne fand er sich als Herrenmensch oder Arbeitsmensch. Mit dem Zuge des Kulturlebens nach dem Westen trat in das menschliche Bewusstsein das Verhältnis von Mensch zu Mensch. In dieses wurde eingesponnen die Arbeit, die der eine für den anderen tut. In die Rechtsvorstellungen drangen die von dem Arbeitswert ein. Ein großer Teil der römischen Geschichte des Altertums stellt dieses Zusammenwachsen der Rechts- und der Arbeitsbegriffe dar. Beim weiteren Vordringen der Kultur nach dem Westen nahm das Wirtschaftsleben immer kompliziertere Formen an. Es zog die Arbeit in sich, ohne dass die rechtliche Gestaltung, die sie vorher angenommen hatte, den Forderungen der neuen Formen genügt. Disharmonie zwischen Arbeits- und Rechtsvorstellungen entstand. Harmonie wieder herzustellen zwischen beiden ist das große soziale Problem des Westens. Wie die Arbeit im Rechtswesen ihre Gestaltung finden kann, ohne durch die Wirtschaftsbesorgung aus diesem Wesen herausgerissen zu werden, das ist der Inhalt des Problems. Wenn der Westen sich durch Einsicht in sozialer Ruhe auf den Weg der Lösung begibt, wird der Osten dem mit Verständnis begegnen. Wenn im Westen das Problem ein Denken erzeugt, das in sozialen Erschütterungen sich auslebt, wird der Osten das Vertrauen in die Weiterentwicklung der Menschheit durch den Westen nicht gewinnen können.
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Die Einheit von Geistesleben, Rechtswesen und Wirtschaftsbesorgung im Sinne einer geistgewollten Ordnung kann nur bestehen, solange in der Wirtschaft das Land-Bebauen überwiegt, und Handel sowie Gewerbe sich als untergeordnet der Land-Bewirtschaftung eingliedern. Deshalb trägt das geistgewollte soziale Denken des alten Orients im wesentlichen für die Wirtschaftsbesorgung den auf die Landwirtschaft hingeordneten Charakter. Mit dem Gang der Zivilisation nach dem Westen tritt zuerst der Handel als selbständige Wirtschaftsbesorgung auf. Er fordert die Bestimmungen des Rechtes. Man muss mit jedem Menschen Handel treiben können. Dem kommt nur die abstrakte Rechtsnorm entgegen. – Indem die Zivilisation weiter nach dem Westen fortschreitet, wird das Gewerbe in der Industrie zum selbständigen Element in der Wirtschaftsbesorgung. Man kann nur fruchtbringend Güter erzeugen, wenn man mit den Menschen, mit denen man in der Erzeugung arbeiten muss, in einer den menschlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen entsprechenden Verbindung lebt. Die Entfaltung des industriellen Wesens erfordert aus dem Wirtschaftsleben heraus gestaltete assoziative Verbindungen, in denen die Menschen ihre Bedürfnisse befriedigt wissen, soweit die Naturverhältnisse das ermöglichen. Das rechte assoziative Leben zu finden, ist die Aufgabe des Westens. Wird er sich ihm gewachsen bezeugen, so wird der Osten sagen: unser Leben verfloss einst in Brüderlichkeit; sie ist im Laufe der Zeiten geschwunden; der Fortschritt der Menschheit hat sie uns genommen. Der Westen lässt sie aus dem assoziativen Wirtschaftsleben wieder erblühen. Das hingeschwundene Vertrauen in die wahre Menschlichkeit stellt er wieder her.
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Im alten Osten fühlte der Mensch, wenn er dichtete, dass die Geistesmächte durch ihn sprachen. In Griechenland ließ der Dichter die Muse durch sich zu seinen Mitmenschen sprechen. Dies Bewusstsein war Erbgut des alten Orientes. Mit dem Zuge des Geisteslebens nach dem Westen ward die Dichtung immer mehr die Offenbarung des Menschen. – Im alten Orient sangen die Geistesmächte durch Menschen zu Menschen. Von den Göttern herunter zu den Menschen erklang das Weltenwort. – Es ist im Westen zum Menschenwort geworden. Es muss den Wegfinden hinauf zu den Geistesmächten. Der Mensch muss dichten lernen in solcher Art, dass ihm der Geist zuhören mag. Der Westen muss eine dem Geist gemäße Sprache gestalten. – Dann wird der Osten sagen: das Götterwort, das einst uns erströmt ist vom Himmel zur Erde, es findet aus Menschenherzen wieder zurück den Weg in Geisteswelten. In dem aufsteigenden Menschenworte sehen wir verstehend das Weltenwort, dessen Absteigen dereinst unser Bewusstsein erlebt hat. Der Ostmensch hat keinen Sinn für das «Beweisen». Er erlebt schauend den Inhalt seiner Wahrheiten und weiß sie dadurch. Und was man weiß, das «beweist» man nicht. – Der Westmensch fordert überall «Beweise». Er ringt sich zu dem Inhalt seiner Wahrheiten aus dem äusseren Abglanz denkend hin und deutet sie dadurch. Was man aber deutet, das muss man «beweisen». – Erlöst der Westmensch aus seinen Beweisen das Leben der Wahrheit, dann wird der Ostmensch ihn verstehen. Findet der Ostmensch am Ende der Beweissorge des Westmenschen seine unbewiesenen Wahrheitsträume in einem wahren Erwachen, dann wird der Westmensch ihn in der Arbeit für den Menschenfortschritt als einen Mitarbeiter begrüßen müssen, der leisten kann, was er selbst nicht vermag.


