Geld ist Buchhaltung

Juni 13, 2026 | Geld

Geld als Buchhaltung

Eine kurze Betrachtung zur Geschichte des Geldes vom Gesichtspunkte, dass Geld im Wesentlichen immer eine Form der Buchhaltung ist. Eine Buchhaltung, die – den jeweiligen Zustand des menschlichen Bewusstseins spiegelnd – sich in drei Stufen verändert hat.

Erstveröffentlichung in Das Goetheanum, Wochenschrift für Anthroposophie, 17.11.2017 (Nr. 47) Von Fionn Meier

Geld ist allgegenwärtig. Zugleich verschwindet es scheinbar immer mehr. Durch die Entwicklungen der letzten Jahre benötigen wir heute immer weniger Noten und Münzen. Wir bekommen nicht nur unser Einkommen direkt auf unser Konto, sondern zahlen auch immer öfter per elektronischer Überweisung, wenn wir unsere täglichen Einkäufe tätigen. Bei diesem Vorgang werden keine Münzen und Noten mehr gegen Waren und Dienstleistungen getauscht. Übrig bleiben nur Zahlen. Zahlen in der Buchhaltung.

Diese Entwicklung hat bei manchen Historikern und Ökonomen die Vorstellung vom ‹Ende des Geldes› hervorgerufen. Wir werden bald in einer Wirtschaft leben, in der kein Geld mehr zirkuliert, sondern nur noch Zahlen in Konten den Wirtschaftsprozess abbilden. Doch wie, wenn Geld im Prinzip nichts anderes ist – und immer war – als Buchhaltung? Was, wenn dies, was heute so augenscheinlich in Erscheinung tritt, diejenige Eigenschaft ist, die überhaupt das Wesen des Geldes als solches ausmacht?

Warentheorie und Gesetzestheorie

In der Wirtschaftswissenschaft findet man heute im Großen und Ganzen zwei entgegengesetzte Ansichten über die eigentliche Natur des Geldes: die Warentheorie und die Gesetzestheorie. Beide betrachten jedoch das Geld nicht als Buchhaltung, sondern als ein ‹Ding› mit spezifischen Eigenschaften.

Die Warentheorie betrachtet als die wesentliche Eigenschaft des Geldes seinen Warencharakter. Geld wird akzeptiert, weil es wertvoll ist (etwa Gold oder Silbermünzen). Die Gesetzestheorie hingegen besagt, dass die wesentliche Eigenschaft sein staatlich aufgeprägtes und geschütztes Zeichen ist (etwa Bronze-Münzen oder ungedeckte Banknoten). Es wird akzeptiert, weil man mit ihm die Steuern zahlen muss. Je nachdem, welche Eigenschaft dem Ding namens Geld als wesentlich zugesprochen wird, folgt eine andere Erzählung seiner Geschichte.

Was ergibt sich jedoch einer historischen Betrachtung, welche das Geld nicht als ein Ding, sondern als Buchhaltung versteht? Lassen sich durch eine solche die sich oft widersprechenden geschichtlichen Darstellungen in ihrem inneren Zusammenhang verstehen? Und welche Einsicht ergibt sich daraus in die Herausforderungen der heutigen Zeit?

Tempeladministration in Mesopotamien: Zentralisierte, einfache Buchführung

Wir beginnen unsere Betrachtung zur Geschichte des Geldes mit der Hochkultur in Mesopotamien, das heißt ungefähr 3000 Jahre vor Christi Geburt. Die Gesellschaft wurde von Priestern verwaltet. Eine Marktwirtschaft, wie wir sie heute kennen, war damals nicht vorhanden. Die Priester waren zuständig für das Geistesleben, das Rechtsleben und das Wirtschaftsleben, welche eine undifferenzierte Einheit bildeten.

Eine komplexe Tempeladministration verwaltete die Produktionsmittel, die wirtschaftliche Produktion und die Verteilung der Güter. Münzen und Noten wurden noch nicht verwendet. Um die wirtschaftliche Verwaltung zu bewerkstelligen, wurde über alle wirtschaftlichen Prozesse Buch geführt. Dazu wurde ein Zeichensystem entwickelt (woraus später erst eine Schrift entstand). Diese auf Tontafeln aufgedrückten Zeichen ermöglichten das genaue Festhalten von Arbeitszeiten, Produktionsmengen und Verteilung von Gütern.

Die Tempeladministration legte die Preise der Güter entweder in Silber- oder Getreideeinheiten fest. Diese Rechnungseinheiten ermöglichten das Festhalten der wirtschaftlichen Prozesse. Beinahe kein wirtschaftlicher Vorgang blieb unberücksichtigt. In der Geschichtsforschung wird dieses Tontafelsystem deswegen verschiedentlich auch mit unseren modernen, computerbasierten Buchhaltungssystemen verglichen. Trotz dieser Ähnlichkeit bestehen jedoch zwei wesentliche Unterschiede. Zum einen wurde damals die Buchhaltung, was aus den schriftlichen Überlieferungen ersichtlich ist, im Auftrag und Dienst der Götter geführt. Zum anderen wurde dazu nicht das heutige System der doppelten, sondern das einer einfachen Buchhaltung verwendet.

Staatliches Münzwesen in Griechenland und Rom: Externalisierte Buchführung

Etwa 700 Jahre vor Christi Geburt setzt eine neue Entwicklung ein. Es bildeten sich damals in der Region des heutigen Griechenlands erstmals staatliche Strukturen mit formalisierter Gesetzgebung heraus. Gleichzeitig entstand dort auch das Münzwesen. Während im alten Mesopotamien die Tempelangestellten und Arbeiter mit Zuteilung von Rationen entlohnt wurden, tritt nun die Bezahlung mit Münzen auf, die jeweils das Zeichen des Stadtstaates tragen, in welchem sie geprägt wurden.

Die allerersten Münzprägungen wurden von den Tempeln aus impulsiert. Die Bezahlung der Staatsangestellten war jedoch der hauptsächliche Faktor, der zur Ausbreitung der Münzen beitrug, wobei das Militär die wichtigste Rolle spielte. Mit den Heereszügen von Alexander dem Großen gelangte das Münzwesen in den Osten, wo es den Untergang der alten Tempelbuchhaltungssysteme besiegelte. Mit den Römern gelang das Münzwesen in den nordeuropäischen Raum bis nach England, von wo aus es sich beinahe über die ganze Welt verbreitete.

Die aufgeschriebene einfache Buchhaltung verschwand. Betrachtet man jedoch als das eigentliche Wesen des Geldes seine Funktion als Buchhaltung, so lässt sich feststellen, dass die Buchführung nicht aufhörte, sondern – in verwandelter Form – nun mittels Münzen geschah: Die Übertragung einer Münze (oder Banknote) ist nur eine externalisierte Form der Buchhaltung. Der Prozess, der sich vorher in Zahlen ausdrückt, wird nun «realiter»[1]ausgeführt, dem Einzelnen die Freiheit gebend, eigenständig über seine Einnahmen und Ausgaben zu verfügen.

Kommerzielle Revolution in Italien: Dezentralisierte doppelte Buchführung

Eine weitere einschneidende Entwicklung setzte gegen Ende des 12. Jahrhunderts im Raum des heutigen Norditaliens ein. Die Menschen entdeckten einerseits sich selbst als ‹geistiges Individuum›, anderseits gleichsam auch die ‹objektive Welt›. Die perspektivische Zeichnung und die doppelte Buchhaltung entstanden. Letzteres wiederum als Begleiterscheinung der Herausbildung eines selbstständigen, von Staat und Kirche losgelösten Wirtschaftslebens.

Dieses erstmalige ‹auf sich selbst Stellen› des Wirtschaftslebens zeigte sich einerseits in dem neu entstandenen Geldsystem, das ganz aus der unternehmerischen Aktivität herausgeboren worden war. Der Zerfall des Römischen Reiches führte ebenso zum Zerfall seines auf Goldmünzen basierenden Geldsystems. In dem Kontext des daraus entstandenen monetären Durcheinanders entwickelten die Unternehmer, von Norditalien ausgehend, ein europäisches Handels- und Zahlungsnetz, in welchem der Handel nicht mehr durch den Austausch von Münzen erfolgte, sondern über Guthaben und Schulden. Große, über mehrere Wochen andauernde Märkte wurden veranstaltet, zu denen Unternehmer aus ganz Europa anreisten und in denen in ‹Handelsbanken› nur Schulden und Guthaben aufgeschrieben und in periodischen Abständen gegeneinander verrechnet wurden. Ein Prozess, der nur durch Vertrauen, Kooperation und Anwendung der doppelten Buchhaltung möglich war.

Anderseits zeigt sich dieses Selbstständigwerden des Wirtschaftslebens auch in der Herausbildung von modernen Kapitalgesellschaften. Das Kapital löste sich aus dem Erbstrom und wurde in Zirkulation gebracht. Dank den neu entstandenen Unternehmensformen war jeder in der Lage, Kapital für sein unternehmerisches Vorhaben zu bekommen, insofern er die anderen davon überzeugen konnte. Nicht mehr die Herkunft war entscheidend, sondern die Fähigkeit. Die Vertrauensgrundlage für die gegenseitigen Investitionen wurde durch die Anwendung der doppelten Buchführung geschaffen, mit welcher der Unternehmer jeweils ein genaues Abbild der Kapitalausstattung und des Erfolgs seiner unternehmerischen Aktivitäten an die anderen überliefern konnte.

Der Prozess der wirtschaftlichen Buchhaltung wurde somit auf eine dritte Stufe gebracht. Geld nahm nun die Form einer von Unternehmern dezentral geführten doppelten Buchhaltung an. Diese Form des Geldes ermöglichte nun nicht nur das freie Verfügen über Einnahmen und Ausgaben, sondern auch einen freien und individuellen Umgang mit Kapital.

Hybrides Geldsystem

Die weitere Entwicklung dieses erst keimhaft vorhandenen nicht nationalen Wirtschaftsgeldes wurde durch das Aufkommen der Nationalstaaten aufgehalten. Im Merkantilismus lebte das staatliche Münzwesen wieder auf und drängte die Handelsbanken und ihre Zahlungsnetzwerke zurück. Am ausgeprägtesten geschah dies in England, welches im 16. Jahrhundert – etwa tausend Jahre nach dem Zerfall des Römischen Reiches – dessen Geldsystem in nahezu unveränderter Weise wieder aufrichtete.

Anstatt eines nicht nationalen, aus der Wirtschaft herausgeborenen Buchhaltungsgeldes entwickelte sich im weiteren Verlauf ein ‹hybrides› Geldsystem. Durch die Schaffung von Staatsbanken verschafften sich die Nationalstaaten Zugang und Kontrolle über die auf dem Prinzip von Guthaben und Schulden basierenden Zahlungsnetzwerke der Handelsbanken. Pyramidenartige Geldsysteme entstanden, mit Guthaben bei den Staatsbanken und von Nationalstaaten herausgegebenen Geldscheinen an den Spitzen.

Der Große Umweg

Etwa gleichzeitig mit der Ausbreitung der Staatsbanken setzte auch eine gegenläufige Entwicklung ein – die Herausbildung der global integrierten Weltwirtschaft. Die einzelnen Nationalstaaten koppelten deswegen ihre Währung mit jeweils fixem Wechselkurs an Gold. Daraus ging ein internationales Geldsystem – der Goldstandard – hervor, welches mit dem Ersten Weltkrieg in sich zusammenbrach. Die Frage nach dem Geld für die Welt war erstmals konkret an die Menschheit gestellt.

Im Sommer 1922, in seinem Kurs für angehende Wirtschaftswissenschaftler, wies Rudolf Steiner darauf hin, dass Geld in Zukunft als «fließende Weltbuchhaltung», als ein Verrechnen von Guthaben und Schulden, angesehen werden sollte. Im Jahre 1944, auf der Bretton-Woods-Konferenz im US-Bundesstaat New Hampshire, schlug der britische Ökonom John Maynard Keynes vor, eine internationale Clearingstelle zu schaffen, welche im Prinzip eine praktische Umsetzung der von Steiner formulierten Idee der Weltbuchhaltung gewesen wäre.

Weder Steiner noch Keynes fanden Gehör. Nach dem Ersten Weltkrieg stellten die Politiker (entgegen den Ratschlägen und Warnungen von Keynes) den Goldstandard aus der Zeit vor dem Krieg wieder her. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten die Amerikaner die Gunst der Stunde und errichteten, den Vorschlag von Keynes missachtend, ein pyramidales Weltfinanzsystem mit dem US-Dollar als Weltreservewährung an der Spitze. Mit der Finanzkrise zu Beginn des 21. Jahrhunderts brach diese Pyramide zusammen, und die Frage nach dem Geld für die Welt steht heute erneut – diesmal als Ausrufezeichen – vor der Menschheit.

Welt-Buchhaltung = ICH-Buchhaltung

Aus der Zusammenschau der vorangehenden Betrachtung erschließt sich ein innerer Zusammenhang der einfachen Buchhaltung der Tempelpriester und der unternehmerischen doppelten Buchhaltung von heute. Die Priester führten damals die Buchhaltung im Auftrag und im Dienst der Götter, welche die Geschicke der Menschheit von außen lenkten. Dieses Göttliche – durch den Tod auf Golgatha hindurchgegangen – hat heute in den Seelen der Menschen wieder aufzuerstehen.

Dementsprechend hat sich die Form der Buchhaltung verändert. Die doppelte Buchhaltung ist heute im gleichen Sinn ein Instrument des wiederauferstandenen Göttlichen im Inneren des Menschen, so wie die einfache Buchhaltung in vorchristlichen Zeiten das Instrument des Göttlichen außerhalb des Menschen war. Im auferstandenen Göttlichen lebt sich heute das Geistige der Welt im individuellen Ich aus. Wird die doppelte Buchhaltung im Dienste dieses inneren Welthaft-Göttlichen verwendet – für Initiativen, die dem Fortschritt der Menschheit dienen –, ist dies daher individuelle Buchhaltung und Weltbuchhaltung zugleich.

Der heute notwendige Schritt hin zum ‹Welt-Geld› ist daher in erster Linie ein Bewusstseinsschritt. Wird dieser getätigt, so ermöglicht die doppelte Buchhaltung den Menschen, ihre je individuellen Initiativen vom Weltgesichtspunkt aus zu beleuchten und mit anderen Initiativen bewusst zu koordinieren. Individuelle doppelte Buchhaltung ist somit nicht nur gleichsam der erste Schritt hin zur Weltbuchhaltung, sondern weiter auch Instrument zur Koordinierung unseres Willens mit demjenigen der Mitmenschen – in anderen Worten: ein Instrument zur Hervorbringung von Sonnenkarma.

[1] Ein Ausdruck, den Rudolf Steiner im ‹Nationalökonomischen Kurs› verwendet (14. Vortrag, GA 340)

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